Der Mann im Hintergrund

Evan Tate mit seinem Quartett im Jazzclub Unterfahrt

Mit eigenen Formationen hört man ihn selten. Evan Tate ist der Mann im Hintergrund, im Satz von Harald Rüschenbaums Big Band zu erleben, seit kurzem auch als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater, ansonsten aber ein sehr selten gesehener Gast auf Münchner Bühnen. Er ist der hagere New Yorker Alt- und Sopransaxofonist mit dem schönen Ton, den seine Lebenswege von Manhattan bis nach Bayern verschlagen haben, und der sich nach spektakulären Projekten wie etwa der “Munich Saxophone Family” nun mit gediegenem Modern Jazz der feingeistig sublimierten Schule präsentiert.
Tatsächlich ist Tates Quartett “Hittin’ Hard” ein gepflegt groovendes Postbop-Ensemble, das mit überwiegend eigenen Kompositionen an die stilistische Traditionsbildung der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte anküpft. Dabei legt Tate im Jazzclub Unterfahrt Wert darauf, inhaltlich und interpretatorisch nicht aus dem Rahmen zu fallen, ihn vielmehr möglichst perfekt zu erfüllen. Seinen ausladenden, tonreichen Linien glänzen durch Geschmeidigkeit, einen angenehm stimmnahen, warmen Sound und die Kunst, trotz beachtlicher Virtuosität entspannt und elegant zu wirken.
Andi Kurz und Guido May stehen Tate an Bass und Schlagzeug mit routinierter Präsenz zur Seite. Lediglich Jan Eschke, der für den verhinderten Christian Elsässer eingesprungen war, entfernt sich punktuell vom Konsens des modern jazzigen Schönklangs und integriert abstrakte, fugale, manchmal auch gewagt alterierte harmonische Details in sein Spiel.
Überhaupt gehörten solche Momente, in denen die Musiker sich über die Gewohnheiten der dahinfließenden Arrangements hinwegsetzten, zu den besten des Konzertabends. Denn mit einen Mal konnte Zeit hinter Intuition zurücktreten, und Coolness verwandelte sich in Inspiration.

RALF DOMBROWSKI
Süddeutsche Zeitung – 19.09.2006